Wenn das System nach der Sitzung einfach weiterarbeitet
Es gibt Rückmeldungen von Klienten, bei denen ich vor dem Handy sitze, leise schmunzle und mir denke: „Ja. Genau so. So isset.“
Eine Klientin meldete sich einige Tage nach einer Arbeit mit dem Simpson Protocol bei mir. Es war ursprünglich eine Sprachnachricht. Also nicht glattgeschrieben, nicht hübsch sortiert, nicht als Erfahrungsbericht geplant. Eher so, wie Menschen sprechen, wenn sie selbst noch staunen über das, was sie gerade an sich bemerken.
Sie sagte von sich aus sinngemäß: „Das darfst du teilen. Vielleicht macht es anderen Mut.“
Wenn Staunen hörbar wird
Ihr Staunen war hör- und spürbar:
„In den ersten Tagen hatte ich ab und zu das Bedürfnis, wenn irgendwas an Stresshoch kam, zu viel, alles auf einmal, dass dann dieses tiefe Einatmen und Augen zumachen kam [Sie meint die Selbsthypnose Codewörter]. Ich musste nur einen kurzen Moment die Augen zumachen und dann brodelte etwas. Dann hatte ich, bevor ich zurückkam, mal wieder irgendwie so Zeitlöcher, dass man plötzlich irgendwie eine Stunde verschwunden war … [Sie meint den Effekt der Zeitverzerrung in Trance] und momentan merke ich mit einem Mal, dass dieser Selbstantreiber und dieses ‚ich muss eigentlich das und das schaffen‘ weg ist. Es hat sich fast so eine Art Selbstbetrug in eine etwas realistischere Wahrnehmung gewandelt. Interessanter Effekt.“
Ja, genau so. So isset.
Ich liebe dieses Staunen.
Meine Klientin und auch du, ihr habt jedes Recht der Welt, euch über diese „Zeitlöcher“ zu wundern. Und auch über die Wandlung von „Selbstbetrug“ zu einer realistischeren Wahrnehmung.
Aber für mich als Therapeutin ist das ein faszinierendes Zeichen dafür, wie genial das System nachglüht, wenn die Weichen erst einmal richtig gestellt sind.
Kein Ausklinken, sondern Selbstwirksamkeit
Was hier passiert ist, war kein unkontrolliertes Ausklinken vor lauter Stress.
Im Gegenteil: Die Klientin hat dem therapeutischen Prozess im Alltag genau den Raum gegeben, den er brauchte, um sich zu integrieren. Und in den stressigen Momenten hat sie ganz bewusst und selbstwirksam die gelernten Codewörter genutzt, um sich aktiv eine Pause zu schenken.
Ein tiefes Einatmen, Augen zu – und ihr System schaltete für einen Moment in eine tiefe Trance, um im Hintergrund aufzuräumen.
Dass dabei das Zeitgefühl komplett verschwimmt und eine Stunde wie im Flug vergeht, ist in Hypnose ganz normal. Es ist ein Zeichen dafür, dass das System tief arbeitet, nachsortiert und sich neu reguliert.
Nicht der große Knall
Wir erwarten nach einer Sitzung oft den großen, lauten Knall.
Aber viel nachhaltiger zeigt sich Veränderung genau so leise, souverän und alltagstauglich wie hier.
Sie ist dem Stress nicht mehr hilflos ausgeliefert, sondern steuert ihr System selbst.
Das Ergebnis?
Nicht der krampfhafte Vorsatz: „Ich muss mich ändern.“
Sondern das spürbare Erleben: „Der alte Antreiber hat seine Macht verloren. Ich spüre mein gesundes Maß wieder.“
Der Körper muss es anders erfahren
Der Kopf kann viel verstehen.
Aber das System muss es im Alltag erst einmal genau so anders erfahren und integrieren.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, den wir so oft unterschätzen: Die eigentliche Veränderung passiert nicht nur in der Sitzung. Sie passiert auch danach. In den Stunden, Tagen und Momenten, in denen das System merkt:
Ich kann anders reagieren.
Ich darf innehalten.
Ich muss nicht mehr automatisch in den alten Druck zurück.
Der Raum zwischen den Terminen
Die Worte meiner Klientin möchten dir auch sagen:
Wundere dich also nicht, wenn nach einer Sitzung Dinge in Bewegung kommen.
Dein System arbeitet weiter – getragen von den neu gestellten Weichen und gelenkt durch deine eigene, bewusste Entscheidung zum Innehalten.
Die Zeit nach und zwischen den Terminen, die ist es, die mehr zählt, als man ursprünglich denkt.
h denkt