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„Was dich nicht umbringt…“ – Die emotionale Hornhaut der Gesellschaft oder: Warum echte Stärke sanft sein darf

Machen uns Krisen automatisch stärker? Ein ehrlicher Blick auf unser Nervensystem, toxische Positivität und warum echte Heilung kein Eisbad braucht.

Stell dir vor: Du steckst in einer massiven Krise, fühlst dich am Ende deiner Kräfte, und jemand sagt diesen einen, uns so bekannten, gut gemeinten Satz:

Kopf hoch – was dich nicht umbringt, macht dich stärker!“ (Oder in der noch unbarmherzigeren Variante: „…macht dich härter.“)

 

Vielleicht hast du instinktiv gespürt, dass sich das in diesem Moment völlig falsch anfühlt.
Weil du dich gerade überhaupt nicht stark fühlst, sondern grenzenlos erschöpft, dünnhäutig und reizoffen.

Dieses „Was dich nicht umbringt…“ fraß sich in mein Gehirn, während ich neulich mit dem Buch Mind Magic von James R. Doty auf dem Sofa saß. In meinem Kopf vernetzte sich Gelesenes mit Inhalten aus Weiterbildungen, KlientInnenthemen und Philosophischem.

Ich konnte nicht anders. Ich griff zu meinem Handy und schickte meiner geschätzten Kollegin und Freundin Tanja Klein einen langen Gedankenstrom per Sprachnachricht.
Und auch sie konnte nicht anders. Wir zerpflückten diesen „Kalenderspruch“ auf unsere ganz eigene, intensive, menschliche und fachliche Weise.

Möge unser Gespräch DIR eine Entlastung sein. Oder eine Perspektive bieten. Möge es dir vor allem jedoch zeigen:

Du ist völlig normal, wenn du nach einer Krise nicht einfach „besser funktionierst“.

Zwischen Manifestation und therapeutischer Realität

In Mind Magic geht es um die neurowissenschaftliche Seite unserer Aufmerksamkeit. Und somit auch um den fachlichen Blick auf Manifestation. Es geht nicht um die Esoterik-Schublade („Denk positiv, dann liefert das Universum“). So schlicht ist es nicht.

Es geht um die bewusste Ausrichtung: Worauf richte ich meine Aufmerksamkeit?

Dr. Gunther Schmidt nennt das in der hypnosystemischen Arbeit so treffend unsere innere „Bastelanleitung für Probleme“.

Wie sehr Gehirn und Körper verflochten sind, zeigt das neurologische Phänomen der Anosognosie: Ein Mensch erkennt (z. B. nach einem Schlaganfall) eine eigene Lähmung nicht, weil das Gehirn stur weiter die alte Geschichte von „Ich kann diesen Arm bewegen“ erzählt.

Unser Geist ist unfassbar mächtig. Das sehen wir auch bei Extremsportlern wie Wim Hof (dem „Iceman“), der extreme Kälte aushält, oder bei tibetischen Tummo-Mönchen, die durch Meditation ihre Körpertemperatur steuern. Beide Phänomene zeigen eindrucksvoll, dass es durch gezieltes Training, Atemtechniken und radikale Aufmerksamkeitssteuerung möglich ist, eigentlich autonome Stressreaktionen unseres vegetativen Nervensystems bis zu einem gewissen Grad bewusst zu beeinflussen und zu überschreiben.

Die Grenzen von „Atme doch mal tief durch“

Aber – und das war unser zentrale Punkt:

Wir sollten aus diesen Extremsportlern keine Blaupause für dich als Mensch in einer Lebenskrise machen!

Natürlich ist Atem kraftvoll. Aber wenn dein Nervensystem dysreguliert ist, du hormonell aus dem Gleichgewicht bist, traumatisch aktiviert oder chronisch überlastet, empfindest du Sätze wie „Der innere Frieden ist nur ein paar Atemzüge entfernt“ schnell als Hohn.

Dann klingt „Atme doch mal“ nach: Stell dich nicht so an. Geh mal raus aus deiner Komfortzone.

Ein Atemzug ersetzt keine Begleitung, keine Therapie und keine sichere Beziehung. Manchmal ist der Sturm echt. Manchmal braucht der Körper erst wieder Sicherheit, bevor der Kopf überhaupt wählen kann.

Die „Immunisierungsstrategie“ unseres Umfelds

Tanja brachte in ihrer Antwort auf meine Sprachnachricht einen Aspekt auf den Punkt, der für viele meiner KlientInnen ein echter Augenöffner ist:

Dieser „Kalenderspruch“ dient oft gar nicht dem Betroffenen! Er tut nur so. Stattdessen ist er ist eine gesellschaftliche Immunisierungsstrategie.

Was damit gemeint ist:
Wenn jemand Schweres durchmacht, ist das für das Umfeld schwer auszuhalten. Ein schnelles „Du wächst daran!“ wehrt den Schmerz ab und schützt das Umfeld, deine Freunde oder Familie, davor, selbst daran zu zerbrechen, schützt davor, die ganze Wucht der Erschütterung und Angst mitfühlen zu müssen.

Doch die Wahrheit ist:

Nicht alles, was uns nicht umbringt, macht uns automatisch stärker.

Manches verändert unser Nervensystem so, dass wir zwar weiter funktionieren, aber innerlich nicht mehr frei sind. Eine schwere Erfahrung überreizt unsere Amygdala (unser neuronales Angstzentrum) – und die gibt nicht einfach Ruhe, nur weil wir uns zusammenreißen.

Sich dem Unangenehmen zuwenden – Auseinandersetzung, wie sie passt

Viele Menschen kommen ins Coaching oder die Therapie, weil sie spüren: Ich kann so nicht weiter sein. Sie wollen sich dem, was in ihnen wirkt, wieder zuwenden.

In der therapeutischen Arbeit nennen wir das Exposition oder Konfrontation. Aber eine heilsame Annäherung bedeutet nicht, jemanden ins kalte Wasser zu werfen („Augen zu und durch“).

  • Heilsame Konfrontation sagt: „Du bist nicht mehr allein damit. Wir schauen hin – aber so dosiert, dass du nicht darin untergehst.“
  • Überforderung sagt: „Da musst du jetzt durch, das macht dich hart.“

Das eine ermöglicht Wachstum. Das andere vertieft alte Verletzungen.

Kintsugi: Wenn Brüche sichtbar bleiben dürfen

In unserem Austausch nutzten Tanja und ich das Bild von Kintsugi – der alten japanischen Kunst, zerbrochene Keramik mit Goldlack zu reparieren.

Wir verleugnen das Zerbrochene nicht, wir integrieren es. Das Gold ist die Zuwendung und der Prozess der Reparatur.
Aber wir waren uns einig: Auch dieses Bild dürfen wir nicht romantisieren. Die Schale ist am Ende wunderschön, aber sie bleibt an den Bruchstellen vielleicht für immer empfindlicher. Sie benötigt ab jetzt einen achtsameren Umgang.

Heilung bedeutet nicht, dass nichts mehr zu sehen ist. Es geht darum, dass wir an den Bruchstellen nicht mehr ständig bluten.

Posttraumatisches Wachstum: Eine Möglichkeit, keine Pflicht

Kann aus Schmerz also neue Stärke entstehen? Ja. Absolut! Und das finden wir wunderbar. In der Psychologie sprechen wir vom Posttraumatischen Wachstum.

Jedoch leben wir in einer Gesellschaft mit einem fast schon bizarren Optimierungsdruck.

Du schuldest dem Leben nicht, aus einem Trauma oder einer Krise sofort weiser hervorzugehen.

Wachstum darf entstehen, aber es darf nicht verlangt werden. Das mit dir zu teilen, ist uns ein Herzensanliegen.

 

Wenn du jedoch spürst, dass die Zeit reif ist und du bereit bist, dich mit dem zu befassen, was nach der Krise in dir entstehen darf, go for it!

Dann habe ich zwei (oder drei 😉 ) Empfehlungen für dich:

Zum Weiterlesen & Hören In meinem Blogartikel zum Posttraumatischen Wachstum findest du konkrete Wegweiser. Dort ist übrigens auch unsere gemeinsame Podcast-Folge #36 verlinkt, die Tanja und ich genau zu diesem Thema bei “Geiler Coachen” aufgenommen haben!

Fazit: Lebendigkeit statt Härte

Das Ziel meiner Arbeit ist es niemals, Menschen „härter“ zu machen. Emotionale Hornhaut, Härte und Vermeidung waren in der Vergangenheit vielleicht deine einzige Möglichkeit, um zu überleben.

Ich glaube: Für ein echtes, verbundenes Leben brauchen wir keine Härte. Wir arbeiten daran, wieder beweglicher zu werden. Wacher. Freier. Wahrhaftiger. Fähig, das Unangenehme zu fühlen, ohne darin unterzugehen. Fähig, alte Geschichten zu verdauen – und trotzdem neue Erfahrungen zuzulassen.

Was dich nicht umbringt, macht dich nicht automatisch stärker. Aber es kann dich verwandeln – wenn jemand mit dir zusammen hinschaut und aus purem Überleben langsam wieder ein echtes Leben wird.

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