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Zwischen Gummiboot und Panzerkreuzer: Warum uns das Unerwartete heilt – und manchmal lähmt

Ich stand heute Morgen an der Kaffeemaschine und dachte: Ich mag es, dass Dinge einfach so geschehen. Ich stehe davor, drücke einen Knopf, und ein Cappuccino fließt in meine Tasse. Kein umständliches Hantieren mit Filtertüten und Kaffeepulver wie früher. Ich muss nichts leisten, es passiert einfach.

In diesem Moment dachte ich an andere Dinge, die verlässlich einfach passieren. Unser Atem zum Beispiel. Er kommt und geht, ganz ohne unser aktives Zutun. Ein tröstlicher Gedanke.

Doch noch während ich den warmen Kaffee in der Hand hielt, meldete sich eine andere Stimme in mir: Moment mal. Eigentlich mag ich es gar nicht, wenn Dinge „einfach so passieren“.

Die dunkle Seite des Kontrollverlusts

In mir stecken auch Erinnerungen an eine Zeit vor über vier Jahren. Erinnerungen, die mich bis heute prägen und mir in der Gegenwart manchmal völlig surreale Ängste bescheren. Diese extremen Hyperfokussierungen können einem in Sekundenbruchteilen die Lebensqualität rauben. Warum? Weil damals eben auch alles einfach passiert ist. Völlig unkontrollierbar, trotz aller Mittel, Wege und therapeutischer Tools, die mir zur Verfügung standen.

Für ein betroffenes Nervensystem braucht es kein großes Drama, um den Alarm auszulösen. Es reicht manchmal eine winzige körperliche Missempfindung – ein kleines Ziehen, das andere nicht einmal bemerken würden –, um das System hochzufahren. Solche Dinge, die „einfach passieren“, können mich lähmen. Sie werfen mich zurück in ein Gefühl tiefer Hilflosigkeit.

Führung, Grenzen und die Sehnsucht nach Ruhe

Besonders spürbar wird dieses „einfach so passieren“ auch im Berufsalltag. Als Chefin stehe ich oft in der Position, die emotionalen Wellen meines Teams abfangen zu müssen. Streit mit dem Partner, Wahrnehmungsverzerrungen, Selbstwertthemen , die im Team nicht nur jeden Einzelnen betreffen, sondern auch in Wechselwirkungen gehen können – all das wird im Arbeitsalltag oft ungefiltert an mich herangetragen. (Und um das klarzustellen: Ich spreche hier nicht von der behutsamen, professionellen Arbeit mit KlientInnen, sondern von der internen Teamdynamik).

Während ich im Team die „Wellen“ anderer halte, das „Schiff“ lenke und über Wasser halte, bekommt mein eigener, innerer Kampf mit akuten Triggern oft keinen Raum. In solchen Momenten wünsche ich mir einfach nur Ruhe.

Denn oft spüre ich die stille Annahme, dass ich als Profi schon alles aushalte. Ich halte den Raum für andere wirklich gerne, denn ihre Themen gehören zum Leben dazu. Aber ich bin eben auch nur ein Mensch. Manchmal wünsche ich mir einfach die Chance, nicht automatisch jede Welle navigieren zu müssen, sondern auch mal „nur“ Chefin, Mitmensch oder Gast sein zu dürfen.

 

Ich sehne mich dann danach, auf einem metaphorischen Fluss im seichten Gewässer zu treiben. Einfach in einem kleinen Gummiboot flussabwärts zu gleiten, in dem tiefen Vertrauen: Das Wasser ist flach, hier passiert mir nichts. Stattdessen zwingen mich die Trigger und die Anforderungen im Außen gefühlt dazu, mich immer wieder für das Panzerboot zu rüsten.

Also nein. Ein geprägter Teil in mir hasst Dinge, die „einfach so passieren“.

Das Unerwartete hat zwei Gesichter

Und dennoch… Wenn ich an einen der glücklichsten Momente in meinem Leben zurückdenke, war es genau das: pure, unkontrollierbare Überraschung.

Es war der unerwartete Heiratsantrag meines Mannes mitten auf dem Meer. Und als wäre das nicht genug, gipfelte er sechs Tage später in einer bereits heimlich vorbereiteten Überraschungshochzeit – nur für ihn und mich, mitten im Regenwald von Costa Rica.

Schiller sagte einmal: „Das Überraschende macht Glück.“ Und er hatte recht. Diese Dinge, die einfach so passieren, sind die Magie des Lebens. Aber manchmal sind genau diese Dinge eben auch die absoluten Arschlochmomente in unserer Biografie.

Was heißt das jetzt für uns? (Fazit)

Was bedeutet diese Gleichzeitigkeit für uns, als traumatisierte Menschen, als TherapeutInnen, als Menschen, die im Leben stehen?

Es bedeutet, dass unser Nervensystem eine sehr gute Überlebensstrategie gelernt hat: Es scannt das Unerwartete primär auf Gefahr. Ein Trauma raubt uns das grundlegende Vertrauen in die Überraschung. Es zwingt uns in das Panzerboot, weil wir gelernt haben, dass das „Einfach-so-Passieren“ bedrohlich sein kann.

Aber Heilung bedeutet nicht, dass wir das Unerwartete plötzlich wieder naiv und grenzenlos lieben müssen. Heilung bedeutet Differenzierung.

Es bedeutet, dass wir lernen dürfen:

  1. Grenzen zu ziehen: Wir dürfen unserem Umfeld (und unserem Team!) zumuten, ihre eigene Verantwortung zu tragen, damit wir Kraft für unsere eigenen Wellen haben.
  2. Das Seichte zu erkennen: Wir dürfen üben wahrzunehmen, wann das Gewässer tatsächlich seicht ist. Wir müssen das Panzerboot nicht verschrotten – es hat uns gerettet. Aber wir dürfen ihm öfter mal eine Pause gönnen und das Gummiboot aufpumpen.
  3. Beides sein zu lassen: Wir dürfen die „Arschlochmomente“ des Kontrollverlusts verfluchen – und gleichzeitig unseren Kaffee genießen, tief einatmen und uns von der Liebe im Regenwald überraschen lassen.

Wir müssen nicht alles kontrollieren. Und wir müssen nicht alles, was wir nicht kontrollieren können, gut finden. Manchmal reicht es schon, einfach am Ufer zu stehen, einen Cappuccino zu trinken und dem Fluss beim Fließen zuzusehen.

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