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Was wir als Erwachsene über uns glauben, hat irgendwann angefangen

Ich mag die Frage nach dem Warum.

Warum reagiert ein Mensch heute so, obwohl er längst weiß, dass er anders reagieren möchte?
Warum fühlt sich ein Satz wie „Ich kann das nicht“ wie eine unumstößliche Wahrheit an?
Warum gerät unser Nervensystem manchmal in Alarm, obwohl der Verstand längst Entwarnung gibt?
Und warum tragen manche Menschen ein Bild von sich durchs Leben, das ihnen selbst kaum noch auffällt?

Ich schaue deshalb in meiner Arbeit gern nach den Ursachen. In die frühen Erfahrungen, in Beziehungsmuster, in das, was einmal gelernt, gefühlt und daraus geschlossen wurde.

Dabei ist die Ursachenarbeit für mich nur ein Teil.

Ich schaue in die Vergangenheit, wenn sie für die Gegenwart etwas erklärt. Und ich richte den Blick nach vorn, sobald dort mehr Veränderung möglich ist. Eine Freundin nannte das einmal „roots for the future“. Das Bild ist bei mir hängen geblieben.

Manchmal hilft es zu verstehen, aus welcher Wurzel etwas gewachsen ist. Manchmal darf eine alte Wurzel einfach dort bleiben, wo sie ist – und unsere Energie fließt besser in das, was heute neu wachsen kann.

Denn letztlich geht es um genau das: Entwicklung.
Und Entwicklung beginnt früh.

Was wir über uns glauben, hat irgendwann angefangen

Kein Mensch kommt mit einem fertigen Selbstbild auf die Welt.

Ein Kind erlebt. Es beobachtet. Es hört Worte. Es spürt Reaktionen. Es macht Erfahrungen mit Erfolg und Misserfolg, Nähe und Distanz, Sicherheit und Unsicherheit, Zugehörigkeit und Ausgrenzung.
Und aus all dem entstehen irgendwann Bedeutungen.

Aus „Diese Aufgabe ist gerade schwer“ kann „Ich bin schlecht in Mathe“ werden.
Aus wiederholter Überforderung kann das Gefühl wachsen: „Mit mir stimmt etwas nicht.“
Aus dem Wunsch, keinen Ärger zu machen, kann irgendwann ein Mensch werden, der hervorragend darin ist, die Bedürfnisse aller anderen wahrzunehmen – und seine eigenen kaum noch.
Aus Hilflosigkeit können Schutzstrategien entstehen, die einmal klug und notwendig waren und viele Jahre später noch zuverlässig anspringen.

Was wir als Erwachsene über uns glauben, hat irgendwann angefangen.

Gerade Menschen, die mit Selbstwertthemen zu mir kommen, kennen solche Sätze oft erstaunlich gut:

„Ich bin einfach so.“
„Ich war schon immer schwierig.“
„Andere kriegen das doch auch hin.“
„Ich bin zu empfindlich.“
„Ich kann das nicht.“

Solche Überzeugungen fühlen sich selten wie Überzeugungen an. Sie fühlen sich an wie Tatsachen.

Und genau an dieser Stelle treffen sich zwei Bereiche meiner Arbeit, die auf den ersten Blick ziemlich unterschiedlich aussehen.

Lese-Zeichen und wachgecoacht

Bei Lese-Zeichen arbeite ich seit vielen Jahren mit Kindern und Jugendlichen rund um Lernen, LRS, Dyskalkulie, Schulangst und all die Dinge, die sich darum herum entwickeln können.

Bei wachgecoacht begleite ich Erwachsene, unter anderem mit Trauma-Coaching, Hypnotherapie und Arbeit an Selbstwert, Selbstbild, emotionalen Mustern und Veränderungsprozessen.

Von außen betrachtet sind das zwei Welten.

Für mich liegen sie erstaunlich nah beieinander.

Im Lese-Zeichen schaue ich gewissermaßen nach vorn:
Was erlebt dieses Kind gerade? Was braucht es? Wie können wir verhindern, dass aus Schwierigkeiten Selbstzweifel, Angst und ein negatives Selbstbild werden?

Auf wachgecoacht schaue ich häufig zurück und zugleich nach vorn:
Was hat dieser erwachsene Mensch irgendwann über sich gelernt? Welche Erfahrungen wirken heute noch? Welche Schutzmechanismen waren einmal sinnvoll? Und was davon darf heute neu werden?

Vielleicht erklärt das auch, warum mein Buch „Der Zauber unserer Kinder“ zwar eindeutig aus meiner lerntherapeutischen Arbeit entstanden ist – und sich darin trotzdem so vieles findet, was mir täglich bei wachgecoacht begegnet.

Denn wenn man tiefer hineinschaut, erzählt es von etwas, das lange vor dem Erwachsenenalter beginnt und später im Coaching- oder Therapieraum wieder auftaucht: von Stress und Sicherheit, Selbstwirksamkeit und Hilflosigkeit, Erwartungen und Zuschreibungen, Beziehungserfahrungen, der Macht von Worten, Schutzreaktionen, inneren Anteilen – und schließlich ausdrücklich von Ich-Identität.

Das Buch führt von neurobiologischen und mental-strukturellen Themen über psychologische Themen und Trauma-Coaching bis hin zu der Frage, wie sich Identität entwickelt.

Und zu einem Gedanken, der mir besonders wichtig ist:

Entwicklung hat kein Verfallsdatum.

Was hat ein Erwachsener davon, ein Buch über Kinder zu lesen?

Vielleicht mehr, als der Titel zunächst vermuten lässt.

„Der Zauber unserer Kinder“ bleibt ein Buch über Kinder, Lernen und Entwicklung. Genau dort liegt sein Ausgangspunkt.

Aber Erwachsene lesen solche Zusammenhänge aus einer anderen Perspektive.

Man kann plötzlich verstehen, warum ein Kind unter Stress nicht einfach „mehr üben“ kann – und sich vielleicht gleichzeitig daran erinnern, wie sich das eigene Funktionierenmüssen früher angefühlt hat.

Man liest etwas über die Wirkung von Zuschreibungen und merkt, wie selbstverständlich man selbst noch Jahrzehnte später bestimmte Sätze über sich benutzt.

Man beschäftigt sich mit Selbstwirksamkeit, Erwartungen oder Schutzreaktionen und bekommt möglicherweise eine neue Sprache für Dinge, die man bislang nur gespürt hat.

Das Buch ersetzt dabei weder Coaching noch Therapie und möchte auch keine rückwirkende Diagnose der eigenen Kindheit liefern.

Es kann aber Zusammenhänge sichtbar machen.

Manchmal reicht schon ein anderer Blick auf die eigene Geschichte, damit aus einem vermeintlichen „So bin ich eben“ ein „Ah – so könnte das entstanden sein“ wird.

Und zwischen diesen beiden Sätzen liegt für mich sehr viel Freiheit.

Und dann sind da unsere eigenen Kinder

Für manche Erwachsene kommt noch eine zweite Perspektive hinzu.

Wir begleiten selbst Kinder.
Als Eltern, Großeltern, Pädagoginnen und Pädagogen oder einfach als wichtige Menschen in ihrem Leben.

Natürlich bringen wir dabei unsere eigene Geschichte mit.
Unsere Vorstellungen davon, was Leistung bedeutet. Unsere Ängste. Unsere Erwartungen. Unsere Erfahrungen mit Schule. Unsere Vorstellungen davon, was ein Kind können, aushalten oder leisten sollte.

Das macht niemanden zu einem schlechten Elternteil. Es macht uns menschlich. Und gerade deshalb finde ich es so wertvoll, die eigenen Automatismen manchmal zu bemerken.

Nicht mit der Frage: „Was mache ich alles falsch?“
Sondern eher:

„Was soll hier eigentlich weiterwachsen?“
Welche Botschaft soll dieses Kind über sich mitnehmen?
Was möchte ich stärken?

Wo kann ich Sicherheit geben?
Wo darf ein Fehler einfach ein Fehler bleiben – statt zu einer Aussage über die Person zu werden?

Vielleicht liegt darin sogar eine besonders schöne Form von Veränderung:
Wenn wir etwas über unsere eigenen Muster verstehen und dadurch Kindern anders begegnen können, verändert sich mehr als nur unsere eigene Geschichte.

Worte werden Wirklichkeit

In meinem letzten Artikel hier auf wachgecoacht ging es um die Frage:

„Wer bist du, wenn du kein Etikett sein musst?“ um Sprache, Zuschreibungen und Ich-Identität.

Dieser Gedanke beginnt viel früher, als wir oft meinen. Kinder hören nicht nur, was wir ihnen sagen. Sie ziehen Schlüsse daraus.
Und auch wir Erwachsenen tragen viele solcher Schlüsse mit uns herum.
Manche passen längst nicht mehr. Andere haben uns geschützt.
Wieder andere dürfen heute überprüft, ergänzt oder ganz neu geschrieben werden.

Vielleicht gehört „Der Zauber unserer Kinder“ deshalb doch ziemlich selbstverständlich hierher.

Weil Kinder Erwachsene werden.
Weil Selbstbilder eine Geschichte haben.
Weil unser Nervensystem Erfahrungen speichert.
Weil Worte wirken.

Und weil wir unser ganzes Leben lang die Möglichkeit behalten, neue Erfahrungen zu machen und neue Seiten von uns kennenzulernen.

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