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Wer bist du, wenn du kein Etikett sein musst? Ein warmer Blick auf die unendliche Weite deiner Ich-Identität

Es ist ein Grundsatz der Hypnotherapie, der mich jeden Tag aufs Neue fasziniert: Worte erschaffen Realität. Sie fliegen nicht einfach als heiße Luft durch den Raum; sie schlagen Wurzeln in unserem Unterbewusstsein, formen unser Selbstbild und steuern letztendlich unser Verhalten. Doch genau hier beobachte ich in letzter Zeit eine kollektive Dynamik, die mich als Therapeutin zutiefst nachdenklich stimmt: die Pathologisierung des Alltags und die Selbst-Stigmatisierung auf Identitätsebene.

Egal ob ich mit Erwachsenen an tiefen Traumafolgethemen in meiner Praxis wachgecoacht arbeite oder mit Kindern und Jugendlichen in meinem Lerntherapie-Institut Lese-Zeichen neue Wege ebne – überall begegnet mir diese Sehnsucht nach Schubladen.

Vielleicht magst du dich für einen kurzen Moment ganz offen und warmherzig selbst fragen: Welchen Stempel hast du dir im Laufe deines Lebens unbewusst aufgedrückt – und hält er dich vielleicht kleiner, als du eigentlich bist?

Wenn das Verhalten zur Identität wird

Es beginnt meistens ganz unauffällig im alltäglichen Sprachgebrauch. Aus einem „Ich verhalte mich in manchen Situationen unkonzentriert“ wird ein „Ich BIN ADHS“. Aus einem „Ich lerne gerne über das Sehen“ wird ein „Ich BIN ein visueller Typ“. What a bullshit.

Was harmlos klingt, birgt eine psychologische Dynamik, die uns unserer eigenen Gestaltungskraft beraubt.

Um zu verstehen, warum dieser Trend so ungesund für den Einzelnen und für ganze Familiensysteme ist, lohnt sich ein Blick auf die sogenannten Logischen Ebenen der Veränderung (nach Robert Dilts und Gregory Bateson). Unser Erleben teilt sich in verschiedene Stufen auf:

  • Umwelt / Verhalten: Was tue ich? Wo tue ich es?
  • Fähigkeiten / Glaubenssätze: Wie tue ich es und warum?
  • Identität: Wer bin ich?

Wenn ein Mensch eine Herausforderung, eine Eigenart oder eine neurodivergente Facette auf der Verhaltensebene spürt, bleibt er handlungsfähig. Wenn wir diese Facette jedoch auf die Identitätsebene heben – sie also fest mit dem „Ich bin…“ verknüpfen –, mauern wir uns in einer Schublade ein. Ein Kind bei Lese-Zeichen, das verinnerlicht hat: „Ich bin LRS“, hört auf, sein Potenzial zu entfalten. Ein Erwachsener bei wachgecoacht, der jede emotionale Blockade mit einem „Ich bin eben so“ abstempelt, nimmt sich selbst das Licht für echte Entwicklung.

Der Schutzraum der Schublade: Eine systemische Perspektive

Als Systemikerin frage ich mich immer: Wozu ist das Verhalten gut? Welchen Nutzen hat die Stigmatisierung?

Wir leben in einer Welt, die maximale Flexibilität fordert. Gleichzeitig befinden sich viele Menschen in Umbruchphasen – seien es Jugendliche auf der Suche nach ihrem Platz im Leben oder Erwachsene mitten in den Wechseljahren, wenn die Kinder flügge werden und Ehen sich neu definieren müssen. In Phasen, in denen das innere Fundament wackelt, bieten Diagnosen und Schubladen etwas Paradoxes: Halt durch Begrenzung.

Ein Stempel entlastet im ersten Moment von Schuld. Er sagt: „Du bist nicht unfähig, du hast ADHS.“ Oder: „Die Kommunikation scheitert nicht an uns, wir sind eben neurodivers.“ Das bringt kurzfristig Erleichterung in ein gestresstes Familiensystem. Doch der Preis dafür ist hoch. Wenn das System anfängt, sich kollektiv um Diagnosen herum zu organisieren, erstarrt es. Entwicklung wird durch Verwaltung ersetzt.

Der Zauber und die unantastbare Würde deiner Identität

In meinem aktuellen Buch „Zauber unserer Kinder“ beschreibe ich intensiv, dass die Ich-Identität eines Menschen etwas Unantastbares, Fließendes und zutiefst Individuelles ist. Wir alle tragen Facetten von Neurodiversität, von Hochsensibilität, von Intro- oder Extrovertiertheit in uns. Das ist das normale Spektrum des Menschseins.

Wenn wir jedoch anfangen, jede Abweichung von einer vermeintlichen Norm zu pathologisieren, entwerten wir die normale Vielfalt. Mehr noch: Es entsteht eine Dynamik, in der „Andersartigkeit“ fast schon als exklusives Qualitätsmerkmal hochgehalten wird, um sich im Dschungel der Beliebigkeit eine Identität zu sichern.

Erkenntnisse über uns selbst sind wichtig – besonders, wenn es darum geht, tief sitzende seelische Wunden oder Traumafolgen zu verstehen und zu heilen. Aber eine Erkenntnis sollte uns befreien, nicht einsperren.

Lass uns das einmal mit einem klaren, aber zutiefst wertschätzenden Blick betrachten:

  • Wenn ich feststelle, dass meine Haare grau werden, ist das ein biologischer Fakt. Ich bin deshalb nicht „das Alter“.
  • Wenn eine Frau durch eine schwere Erkrankung ihre Brust verliert, erschüttert das ihr Selbstbild zutiefst. Das braucht therapeutische Begleitung. Und doch bleibt ihre Ich-Identität im Kern unantastbar. Sie ist nicht die Erkrankung.

Warum also erlauben wir es freiwillig, dass temporäre Zustände, Lernbesonderheiten oder Charakterzüge unsere gesamte Persönlichkeit definieren?

Mein Tipp für dich: Die Landkarte oder das Möbelstück?

Wenn du dich das nächste Mal dabei ertappst, wie du dich selbst oder jemanden in deinem Umfeld in eine feste Kategorie stecken willst, lade ich dich zu einer Entweder-Oder-Entscheidung ein:

  • Nutzt du das Label als Landkarte? Eine Landkarte hilft dir, dich kurz zu orientieren. Sie gibt dir Erleichterung, zeigt dir, wo du stehst, und hilft dir, die nächsten Schritte zu planen, um handlungsfähig zu bleiben.
  • Oder nutzt du das Label als Möbelstück? Dann richtest du dich in der Schublade häuslich ein, machst es dir darin bequem und gibst die Verantwortung für dein Wachstum und dein Verhalten an der Garderobe ab.

Worte haben Macht. Nutze sie, um dich und deine Liebsten groß zu machen – nicht, um euch zu begrenzen. Du bist so viel mehr als jeder Befund, den die Welt für dich bereithält.

Schau heute mal ganz bewusst hin: Wo darfst du ein Etikett ablösen, damit deine wahre Identität wieder atmen und strahlen kann?

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